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Frieden

Melancholie (17.10.07)

 

Frieden. Ich erlebe ihn. Hier. In meiner Wohnung, unter meiner Dusche. Nach über 48 Stunden ohne Schlaf stehe ich hier. Der Kopf an der Halterung des Duschkopfes, die Unterarme an die kühlen, von über 30jähriger Benutzung gelblich verfärbten Fliesen, der Rest des Körpers unter dem heißen Wasserstrahl, der die Haut fast verbrennt. Im Nebenzimmer läuft die Musikanlage,

Pilefunk –Masquerade.

Immer und immer wieder. Meine Augen sind geschlossen, das Wasser rinnt mir übers Gesicht, soll die Falten und Schatten der vergangenen Stunden verwischen. Wo war ich? Auf der Suche. Auf der Suche nach IHR. SIE hat meinen Kopf besetzt. Ich weiß nicht, wer SIE ist. Aber ich möchte es wissen. Logisch, wenn man weiß, WAS sie ist. SIE ist der Inbegriff meiner Sehnsüchte, so schmalzig es auch klingen mag. Die perfekte Partnerin. Perfekt in jeder Hinsicht, also auch so perfekt, dass sie nicht zu perfekt ist, um sich mit ihr streiten zu können. SIE ist mein Gegenpol, mein Ausgleich gegenüber allem, egal ob gut oder schlecht, was mir in meinem Leben passiert ist und passieren wird.

    Ich habe SIE gesucht. Überall. Meistens auf Partys, natürlich nicht mehr nüchtern. Heute wird es nicht anders sein. Ich werde, obwohl ich dringend Schlaf benötige, auf eine Party gehen, mich betrinken und gegebenenfalls mit einem wildfremden Mädchen abstürzen, in der Hoffnung, sie könnte SIE sein.

 

Kalt. Eiskalt. Die Müdigkeit weicht der Anspannung, die meinem Körper beschützen soll. Vor der Kälte. Aber nicht vor mir.

Meine Wangen brennen, ich habe vergessen, Rasierschaum zu kaufen, musste mich aber rasieren, trocken mit einem Nassrasierer. Habe es mir schlimmer vorgestellt. Natürlich ist es nicht besonders ansehnlich gelungen, aber ich hatte mehr Schnitte und wunde Stellen erwartet. Was die explodierende Wirkung des Aftershaves nicht im Geringsten beeinträchtigt. Ich sollte mir einen elektrischen Rasierer anschaffen.

 

I knew it all alone

Here´s nothing left for you

All feelings that you never had

Will never come

Out

 

Es reicht. Nicht noch einmal. Ich taste mich, die Augen geschlossen, tropfend in mein Zimmer. Das Fenster ist offen, ein kalter Luftzug lässt mich erneut frösteln. Ein Lied weiter.

 

 Pierpoljak – Je sais pas jouer. 

 

Je sais pas jouer

Autres choses que le reggae

 

Aber das kann er gut. Auch ich spiele. Anderweitig. Ab und zu erfolgreich. Am häufigsten ohne erkennbaren Sinn. Außer für die wenigen Menschen, die mich kennen, die ich kenne, die ich als Freundin oder Freund bezeichne. Diese Leute, auf die ich mich wirklich verlassen kann. Die meine Launen ertragen, ohne ihnen gleichgültig gegenüberzustehen. Die sagen „Hey, es reicht, hör auf, das bist nicht du.“ Die manchmal besser wissen, wer ich bin, als ich selber. Es oft besser wissen. In die man sich schnell verliebt, in das andere Geschlecht, meistens, wenn man die Grenze nicht rechtzeitig erkennt. Die man durch dieses Verliebt sein verliert, oder, wenn man mal Glück hat, als Partner/in gewinnt oder einfach nur darüber redet, es als Hirngespinst verurteilt und weiter als Freunde existiert. Miteinander. Anders als zuvor, mit erkennbaren und bewussten Grenzen. Die natürlich auch nicht für immer an der gleichen Stelle bleiben. Alles verändert sich. Muss es. Veränderung ist der Schlüssel zum Leben. Schade nur, dass er manchmal nicht ins Schloss des eigenen Willens passt.

 

U.N.K.L.E. – Burn my shadow

 

I have burned my tomorrow

And I stand inside today

At the edge of the future

And my dreams all fade away –

And burn my shadow away

 

Ich starre auf meine Finger. Bewege sie leicht hin und her. Versuche, die Luftzirkulation zu stoppen. Die Zeit zu stoppen. Die Schatten meiner Finger stehen nicht still. Ich kann sie nicht verbrennen, kann meine Schatten nicht verbrennen, habe soviele, es wäre ein warmes Feuer, gefüttert von unendlich kalten Träumen und versteinerter Hoffnung.

Die Musik läuft weiter. Sie könnte ich stoppen. Ich will es nicht. Gefangen in einem kleinen Kreis der Schallwellen, drifte ich hin und her zwischen Wirklichkeit und Wunschrealität. Ein depressives Gefühl in der Brust, dieses „Rappel-Dich-Auf“- Gefühl, trauernd, weil man es nicht tut, nicht versucht. Nicht zu schaffen glaubt.

Ich lege mich auf mein Bett. Lösche alle elektrischen Lichter, zünde ein paar Kerzen und meine

Shi-Sha an. Alles vom Bett aus. Opiumhöhle. Nur ohne Opium.

 

Gary Jules – Mad World

 

I find it kind of funny

I find it kind of sad

The dreams in which I´m dying

Are the best I´ve ever had

 

Ganz soweit ist es bei mir noch nicht. Aber fast. Ich habe schöne Träume. Schon lange keine Albträume mehr. Glaube ich. Vielleicht verdränge ich sie auch nur. Darin bin ich gut. Sachen verdrängen, meistens die positiven. Wenn ich über mein Leben nachdenke, fällt mir immer nur die ganze Scheiße ein, die ich durchmachen musste. Die guten Sachen sind in der Unterzahl, meistens auch von gleichzeitigen schlechten Erfahrungen getrübt.

Kann man in einer Zeit, in der man durch emotional stark belastet ist, trotzdem Glück empfinden? Oder ist alles Glück, was man in dieser  Periode zu erfahren glaubt, eine Einbildung, ein rettender Baumstamm im unendlichen Fluss des Unglückes, den man, gebeutelt wie man ist, dankbar ergreift, um wenigstens für ein paar Sekunden das Elend zu durchbrechen und das Ufer zu streifen.

Bis jetzt hatte ich Glück. Ich bin noch nie in einen Fluss gefallen, der in ein Meer mündete. Sie sind alle versiegt, irgendwann, bestehen als Aue oder Rinnsal, vielleicht auch als unterirdischer Bach weiter. Nur meine Kleider trocknen nicht mehr. Sobald ich mich in die Sonne lege, meinetwegen auf einen Baumstamm, fängt es irgendwann wieder an zu regnen. Ich weiß nicht mehr, wie es war, damals, als Kleinkind, als meine Kleider vielleicht wirklich trocken waren. Lange blieben sie es nicht, ich war schon als Kind nicht fähig, meine Augen zu schließen, ich rannte fast in die Regenschauer, es faszinierte mich, nahm mich gefangen und ließ mich lange Zeit nicht los. Irgendwann lernte ich schwimmen und konnte in Flüsse fallen.

 

Es ist viel zu kalt. Meine Finger lassen sich kaum bewegen, als ich versuche, das kleine Teelicht anzuzünden. Ich stelle es in die Mitte meines Zimmers, mache das Licht aus, Musik an, von CD, der Computer ist zu laut, jetzt.

 

Federico Aubele – Ante Tus Ojos

 

Pienso y cuanto mas pienso

yo me pregunto mi amor

cual es la forma que tengo

que tengo yo ante tus ojos

 

Das Teelicht flackert. Wirft seine Schatten über den Boden. Eine Woche voller Arbeit, Stress und Gedanken liegen über den Boden  und mein Gesicht verstreut. Ich habe durchgehalten, mal wieder, wie lange noch? Wie lange noch – alleine?

Ich sitze auf meinem Bett, lehne den Kopf an die Wand und friere. Das Fenster ist geöffnet, den ganzen Tag, die Heizung soll nicht funktionieren. Kälte. Je kälter es ist, desto schöner ist es, sich unter seine Decke zu verkriechen. Das Gesicht ist kalt, eiskalt, aber der Rest des Körpers warm. Aber ich lege mich nicht unter meine Decke. Ich sitze auf ihr, warte, worauf, ich will erfrieren, warum. Morgen werde ich krank sein, ich bleibe sitzen, trotzig, während meine Finger schmerzen, wenn ich sie bewege. Sie wollen nicht erfrieren. Ich auch nicht. Nur ein wenig.  Nur fühlen. Wenigstens etwas.

Meine Shi-Sha steht seit mehreren Tagen auf dem Boden, unbenutzt, Aschereste am Kopf, Reste der verbrannten Schatten, mein Kopf ist frei von Asche, gefüllt mit eisigem Feuer. Ich schließe die Augen und warte. Dass SIE kommt. Einfach so. Zur Tür herein, sich neben mich setzt, mit mir friert. Dann, wenn wir genug gefroren haben, legen wir uns unter die Decke. Am nächsten Morgen wird es Frühling sein.

 

U.N.K.L.E. - Lonely Soul

 

I believe there´s a time and a place

To let your mind drift and get out of this place

There´s no secret of living

Just keep on walking

There´s no secret of dying

Just keep on flying

 

Was ist, wenn es SIE nicht gibt? Wenn ich nie erkennen werde, was es heißt, wirklich zu lieben?

Erste Person Singular Futur II Indikativ Aktiv Negativum von lieben: Ich werde nie geliebt haben.

Erste Person Singular Futur II Indikativ Aktiv Negativum von leben: Ich werde nie gelebt haben.

Sätze. Sie vergehen. Senden eine Botschaft und versinken im Nichts. Sind nebensächlich oder sinngebend, selber abhängig von Konstellation und Intonation, nie wirklich sie selbst, nicht einmal annähernd frei. Eine leichte Veränderung gibt ihnen mehr Sinn oder nimmt jeglichen heraus.

Erste Person Singular Futur II Indikativ Passiv Negativum von lieben: Ich werde nie geliebt worden sein.

Erster Person Singular Futur II Indikativ Passiv Negativum von leben: Ich werde nie gelebt worden sein.

Wer, außer mir selber, sollte mich leben können? Wozu eine Suche nach dem eigenen Ich, wenn sich dieses schon in solch einfachen Sätzen verbirgt? Ich kann nur von mir selber gelebt werden, solange ich also lebe, bin ich Ich. Nicht „Cogito, ergo sum“, es müsste heißen: „Vivo, ergo meus sum.“

Aber sobald ich sterbe, ist Ich nicht mehr ich, Ich kann mich nicht leben, wenn ich tot bin. Wobei Ich dann ebenfalls tot ist, somit kein Lebenszwang mehr besteht. Und wenn ich oder Ich überlebe oder überlebt? Ich werde nicht überleben, ich bin nur ein Körper, eine Gestalt, ein Schatten, der irgendwann verbrennen wird. Aber Ich ist eine Idee, ein Geist, ein Feuer, ein Niemand in seiner Gestalt.

Ideen überleben.

 

Moby – Porcelain

 

In my dreams I'm dying all the time
As I wake its kaleidoscopic mind

 

Die gleichen Gedanken, eintöniges Geschwätz des Geistes. Verseucht mit unzähligen Negationen, Fragezeichen und Nebensätzen. Realismus? Realismus ist irreal. Es gibt ihn nicht. Seine einzige Form ist eine aus Erfahrungen geborene Realität, ein bunter Berg zusammengewürfelter Vergangenheiten. Realisten sind verkrüppelte Pessimisten, die schlechten Erfahrungen lassen sich leichter in Erinnerung behalten als die guten, beeinflussen die gewollte Objektivität des Betrachters und vermenschlichen ihn. Aber er kann auch ab und an eine gute Erfahrung mit einbeziehen. Er muss sich nur erinnern, erinnert werden.

 

Sophie Zelmani – Dreamer

 

Take me off that parade
And place me somewhere
In yours sense of a shades
Your night shuts my door
And I will not dream anymore

 

Die Augen sind schwer. Ich könnte schlafen, sollte schlafen, will schlafen. Ich schlafe nicht. Ich lausche. Es stürmt draußen. Es ist kalt, wird immer kälter, mir auch. Selbstzerstörung. Und immer wieder die temporäre Frage an die Zukunft. Eine Frage mit einer Antwort, die mich, wüsste ich sie, zerreißen , in einen nervösen, ungeduldigen Spielball der Zeit verwandeln könnte.  Wann?

Ich kann keine klaren Gedanken mehr fassen. Kommt der eine, geht der andere, keine Muster, keine Farben, eintöniges Grau mit einer Farbenpracht im Hintergrund. Farben strömen in meine Ohren, berauschen mich, ermüden mich noch mehr. Bald ist nichts meines Geistes noch anwesend, wenn überhaupt jetzt noch. Besser zu schlafen. Für den Körper. Regeneration. Der Geist muss warten.

 

 

 

Wizo – Quadrat im Kreis

 

Hin und wieder merk' ich auch,
daß ich keine Menschen brauch'
und lieber ganz alleine bin

Doch der Schmerz ist zuckersüß
und irgendwie auch so vertraut
ich hab' mich dran gewöhnt
So fehlt zur letzten Konsequenz
einmal mehr das bisschen Mut
und die paradoxe Wut darüber
wird im Traum ertränkt
von der beschissenen Leichtigkeit des Scheins

 

Stille. Immer zu. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Ich hasse sie. Lauter, immer lauter dröhnt sie, zerschlägt meine Nerven. Ich schlage zurück. Springe auf. Schreie, laut, immer lauter. Niemand hört mich, die Stille verschlingt alles.

Wut. Ungebändigter Zorn. Die Tasche mit meinen Klamotten fliegt gegen die Wand, der Teppich wird unters Bett gerutscht, das Kissen gegen das Fenster, fällt auf den Absatz und wirft das uralte Mikroskop um, welches auf den Fliesen in tausend Stücke auseinanderfällt. Hefte, Ordner, Bücher, CDs fliegen vom Regal, gegen den Fernseher, der Receiver rutscht herunter und zerschellt auf der Hantel, ein Pullover verdeckt die Lichtquelle.

Das Gedicht. Liebevoll mit Tusche gezeichnet, umrahmt.

Ich hebe die Faust. Halte inne. Zittere. Wie das Licht. Erich Fried. Was es ist.

Vernunft, Stolz, Vorsicht, Einsicht, Berechnung. Ausgelöscht, verborgen hinter der Stille, dem Zorn, der Einsamkeit.

Angst und Erfahrung. Welche Art von Erfahrung? Erfahrung mit der Angst, mit der Einsamkeit, mit den Flüssen, mit der Veränderung, mit der Kälte? Erfahrung mit Hoffnung und Baumstämmen?

Das Licht flackert kurz, dann fällt die Lampe vom Schreibtisch und zerspringt auf dem Fußboden. Dunkelheit. Und Stille.

Ich schwitze. Bin außer Atem, spüre Schnittwunden an den Händen, im Gesicht. Angst und Erfahrung. Bin ich doch fähig zu lieben?

 

Es pocht. Mein Kopf, mein Puls, mein Gesicht. Ich bewege mich, ein Schmerz schießt aus meinem Ellenbogen über tausende von Nervenbahnen in mein Gehirn, wird dort dumpf zur Kenntnis genommen und nicht weiter beachtet. Der Magen schlägt Alarm, ihm gefällt die durch halb geöffnete, verquollene Augen erblickte Welt nicht, viel mehr die Rotationen missfallen ihm. Er will rebellieren, stößt aber ebenfalls auf eine Mauer, die momentan nur einen Gedanken zulässt: Wasser. Ich drehe mich zur Seite, greife mechanisch die grüne Plastikflasche neben dem Bett und trinke.

Langsam, mit Pausen.

Dann öffne ich die Augen weiter, sehe den Eimer, den nassen Teppich, den umgekippten Becher. Szenen schießen vorbei, Erinnerungen an den Würgereflex, mich selber, wie ich, halb im Bett liegend über dem Eimer kauer und mich immer wieder übergebe, während ich wirres Zeug lalle, dass nicht einmal ich selber noch verstehe. Armutszeugnis eines übertriebenen Abends. Einfach getrunken, nicht auf die sonst allgegenwärtigen Grenzen geachtet, einfach gesoffen. Warum? Unwichtig. Ich hämmere das Wort immer weiter in meinen schmerzenden Schädel. Grundlos. Unwichtig. Und wichtig.

Die Gesamtsituation. Vielleicht. Eine temporäre Krise. Schon eher. Beschönigungen. Auf jeden Fall.

Wahrscheinlich war es nichts weiter als das momentan omnipräsente Leidensthema: Stille. Ich will nicht nachdenken. Stehe auf, hänge den Teppich auf, stelle den Eimer weg. Er hat einen Riss an der Unterseite, ich stopfe den Teppich gleich in die Waschmaschine und hole einen Feudel. Zittern, da immer noch im Schlafanzug, stehe ich bei offenem Fenster da und lösche ein weiteres Mal ein Zeugnis meines Versagens aus der Welt, radiere es einfach aus. Zurück bleibt nur ein feuchter, dunkler Fleck auf den Fliesen, der in ein paar Stunden ebenfalls weg sein und der alten, vertrauten, gehassten Normalität, Stagnation ein weiteres Zugeständnis machen wird. Er wird trocknen, einsam, mit Sicherheit und – still.

 

Ich wache wieder auf. Will nicht. Will wieder einschlafen, zurück in die Welt, aus der ich gerade komme. Wie ein Riss schleicht sich ein Gefühl in mich, dass ich schon so gut kenne. Etwas verloren zu haben, was man nie wirklich hatte. Ich kann mich nicht einmal mehr an den Traum erinnern, habe keine Ahnung, wer darin vor kam. Nur was. Ein Gefühl, Geborgenheit vielleicht, Liebe, Freude, so etwas. Rausgerissen wurde es, brutal entfernt, zerschlagen, um mich in die Realität zurück zu katapultieren und mir zu zeigen, was ich nicht habe, was ich vermisse. Die Musik läuft noch, lief die ganze Nacht, Playlist „Chillen“. Melancholische Klänge, perfekt, genau das brauche ich jetzt überhaupt nicht.

Mehr denn je wünsche ich mir jemanden an meiner Seite, hier, jemanden, der einfach nur da liegt, atmet, ist. Um zu hören.

Aber ich liege allein hier, schlinge die Decke enger um mich, als könne sie geben. Ich hab Lust zu weinen, einfach so, um des verlorenen Gefühls wegen, um meiner selbst, einfach weil ich so gottverflucht pathetisch bin. Ich stehe auf, drehe die Musik lauter, steigere sie bis ins unerträgliche, schaue lächelnd zu, wie die Boxen ausschlagen, rauschen, auf dem besten Wege zum Zerspringen sind. Es riecht angebrannt, der Verstärker raucht, es knallt. Taub von der Schallwelle sehe ich, wie dass Blatt Papier auf dem Verstärker anfängt zu brennen und die herumliegenden Mappen und Hefte ansteckt. Wunderbar. Genau so muss ein schöner Tag anfangen, erst ein beschissenes Gefühl und dann ein brennendes Regal. Ich habe keine Lust, den Brand zu löschen, aber noch weniger Interesse habe ich daran, das Zimmer schon wieder zu renovieren. Es lebe die emotionale Anarchie!

 

Ein Vogel weckt mich, ich schrecke auf, mein Kopf schmerzt. In mir streiten sich das Gefühl der Geborgenheit, erzeugt von der Wärme meines Bettes, der sich ihm leicht gewellten See widerspiegelnden Sonne, der nur von den Rufen des Vogel und seiner Artgenossen durchzogenen Ruhe, mit dem Erbe eines zu realistischen Traums. Auch im Traum war Geborgenheit, ich war nicht allein, umarmte und küsste ein Mädchen aus meinem Bekanntenkreis, spürte Freude. Immer wieder wurde der Traum unterbrochen, immer wieder schlief ich ein, immer wieder umarmte und küsste ich ein anderes Mädchen. Erst jetzt, da ich wach bin, erkenne ich die Lüge, die mein Unterbewusstsein mir vermitteln wollte: „Du bist nicht allein, du hast alle Chancen der Welt, sieh, auch wenn sie alle nicht perfekt zu dir passen, ihr Nähe empfandest du als angenehm, oder etwa nicht? Natürlich, sonst fühltest du dich jetzt nicht so beschissen. Entschuldige meine Ausdrucksweise, aber es ist nun einmal so.“

Ich lasse es reden, Wut steigt in mir auf, schlägt mir in den Magen. Die Szenarien des Glücks wollen nicht aus meinem Kopf. Sie haken sich fest, ich bin wie ein Fisch, der verzweifelt versucht, in die andere Richtung zu schwimmen. Ich kann ihnen nicht Paroli bieten, habe nichts, was die Erinnerung an die Gefühle der Träume auslöscht, ausmerzt, zerstört und vollständig vernichtet. Die Wand starrt mich an, ich starre zurück, Schattenspiele der Bäume gaukeln mir die Körper all jener vor, die ich verschmähe und die mich verschmähen, weil ich in ihnen nicht sehe, was ich brauche. Ich starre, bis mir die Augen zufallen und ich merke, wie ich langsam einschlafe, hinübergleite in den unwirklichen Zustand, der mir sonst immer fehlt. Aber nicht jetzt, ich will nicht mehr schlafen, drehe ich zur Seite, stehe auf, 7 Uhr morgens. Ruhig atmend stehe ich vor meinem Bett auf den kalten Fliesen, starre die Wand an. Die Schattenspiele sind nun nichts mehr als Bäume, die sich vom leichten Wind verbiegen lassen. Der Traum ist durchbrochen, nur seine Stimmung wabert durch den Raum, prallt haltlos an mir ab und hinterlässt doch seine Spuren.

Alles, was ich mir so schön ausgemalt hatte, dieses ach so reife Bild eines jungen Mannes, der nach seinem endgültigem Partner sucht, löst sich mit stillen, vorwurfsvollen Blicken auf. Ich will es nicht festhalten, nicht mehr, habe keine Kraft mehr, die Wut ist verflogen, die Stille spannt sich wieder über mich, über alles, nur die Vögel erkennen und ahnen nichts, singen einfach weiter. Sollen sie singen, ich werde auch sie zum Schweigen bringen. Entweder, um ihnen zu zeigen, dass die Stille verlogen ist und ich sie nun wahrnehme, oder, wenn sich wie so oft nichts ändert, um die Stille zu perfektionieren.

Tolle Uhr...  
   
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