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Utopie
Im Schwimmsaal (27.01.2009)

-Ist das Schwimmbad gefüllt?
-Ja, Sir, wie Sie es wünschten.
-Die Scherben auch sauber?
-Ja, Sir, wie Sie es wünschten.
-Danke.
Langsam streifte er sich das Jackett vom Leib, warf es dem Diener zu, lockerte seine Krawatte und wandte sich dem Flur zu, sich bei jedem Schritt eines Kleidungsstückes entledigend, wohl wissend, dass Alfred sie aufsammeln werde, schritt er zum Schwimmsaal und an den Rand des Beckens. Die Scherben schimmerten bläulich, hier und dort ein wenig trüb vom hinzugegebenen Chlor, welches in weißen Pulverfäden Muster bildete. Er hasste es zu baden. Die Scherben waren kühl, nicht kalt, aber auch nicht Raumtemperatur, sie waren wohl schlicht und ergreifend unangenehm kühl. Im Sprung sah er im Augenwinkel Alfred den Saal durch einen der von Säulen umrahmten Seiteneingänge verlassen, vermutlich, um wundreinigende Salbe, Operationsnadel samt dazugehörigen Faden, Pflaster, neue Kleidung und einen halbvollen Becher Whiskey, wahrscheinlich wieder den mit dem Foto von zerfetzten, blutigen, abgetrennten Körperteilen vor der restaurierten, samtweißen Villa, in welcher er sich nun befand, zu holen. Die Scherben umgaben ihn vollständig, er spürte, wie sie in seine Haut rissen und spürte das Verlangen, die Augen zu öffnen um zu schreien, wusste aber gleichzeitig, dass dies seine Situation nicht verbesserte, immerhin bestand jetzt noch die Möglichkeit, dass die scharfen Kanten nicht durch seine Augenlider in die Pupille drangen, ihn seiner Sehkraft beraubten und ihm nebenbei noch unsägliche Schmerzen bereiteten. Vom Brustschwimmen in den seinem Empfinden nach weniger schmerzhaften Schmetterlingsstil übergehend, erreichte er die andere Seite, rollte die Beine nach vorne und stieß sich ab, diesmal auf dem Rücken kraulend. Das Chlor brannte in den nun sehr zahlreichen Einschnitten, ihm wurde langsam schwindelig, den Schmerz fühlte er kaum noch, die Decke stieg immer weiter hinauf. Rasch drehte er sich um und tauchte unter, nur noch ein paar Meter, dann hatte er es geschafft, wieder einmal. Sein rechter Arm erlahmte, etwas stach in seine Augenbraue und blieb dort hängen, rutschte dann, von den ständigen Berührungen anderer Scherben, immer weiter nach unten. Die Oberfläche schien gefährlich weit entfernt, er suchte sie blind, wusste nicht, ob er nach oben oder nach unten tauchte, hatte das Gefühl, sich zu drehen, konnte seinen rechten Arm gar nicht mehr bewegen und stieß schließlich an den Beckenrand, an welchem er sich emporzog und an dem Alfred wartete, seine Hand zu greifen und ihn herauszuziehen, sobald er in Reichweite war.
Stiche durchzogen seine Traumwelt, ein riesiges Meer aus zerfleischten Laternen und Sendemasten, welche verkohlt und krumm ihre hölzernen Stämme in den Himmel streckten, aus dessen strahlender Bläue sie jedoch nur ein Stein beschworen, welcher still und kalt seine Kreise zu ziehen anfing. Es war eine Wüste, durch die er schwebte, kalt und still das zeitweilige Flackern der niedergeschmetterten Laternen bemerkend und hier und da gegen einen der Masten stoßend, welcher sich wider dem herrschenden Tenor stolz und gerade, obgleich schwarz und verbrannt duftend, in die Höhe reckte. Ihre Splitter stachen und hinterließen schwarze Punkte, kaum zu erkennen, doch in der zunehmenden Masse deutlich hervortretend. Fast wäre er, da er seine schwarz pigmentierte Hand betrachtete, mit dem Stein kollidiert, welcher unbeirrt noch immer den gleichen Kreis zog. Belustigt verfolgte er das grau Schimmernde mit den Augen, um sich dann aus einer Laune heraus direkt in die Umlaufbahn zu begeben und gespannt zu warten, bis er vom harten Stoß des unbeirrt Unbeirrbaren fortgeschleudert wurde, verzweifelt nach Luft ringend, welcher er nicht habhaft werden konnte. Sanft fing ihn ein Baum mit ausladender, dichtbeblätterter Krone, durch welche er langsam an das begehrte Gut kam. Die Farben, eben noch verwischt und unscharf durch den harten Schlag in den Bauch und der drohenden Besinnungslosigkeit, bekamen Formen, verdichteten sich zu Blumenfeldern, Wiesen und Wald. Strahlend lagen sie dort unter einem durch und durch grauen Himmel, ein betörender Duft ging von ihnen aus, er konnte nicht widerstehen und atmete tief, tiefer ein, sog die gesamte Frische in sich auf und musste unwillkürlich lächeln. Sachte strich der Wind durch seine Haare, spielte mit seinem Umhang. Er spürte den Wunsch, sich einfach zurückfallen zu lassen und die Samen des Löwenzahns neben sich aufzuwirbeln, in das Geäst der Kastanie hinaufzuschauen, das Licht auf sich niederprasseln und ließ sich einfach fallen zu lassen, stand jedoch rasch wieder auf, seine Erwartungen durch den Himmel enttäuscht sehend. Stattdessen schloss er die Augen, fühlte ein zunächst leichtes, dann immer stärker werdendes Brennen dort, wo der Wind ihn streifte. Dann atmete er plötzlich zu tief ein, sämtliche Pflanzen bogen sich zu ihm hin, ihre Samen wurden in seinen Mund und seine Nase gerissen, verstopften seinen Schlund.
Er hustete.
-Alles in Ordnung, Sir?
-Ich lebe noch.
-Ja, Sir.
-Wie lange?
-Fast zwei Stunden, Sir. Bin gerade fertig.
-Danke.
-Sie sollten nicht mehr baden. Dieses Mal waren es keine zwei Millimeter mehr.
-Was mich nicht umbringt, macht mich härter.
-Es wird sie umbringen, wenn nicht sofort, dann im Endeffekt, wenn Sie blind über die Straße marschieren und ein Schreibtisch sie erwischt.
-Dann war es das halt.
Alfred musste lächeln, eine Geste, an der er sich wohl zum ersten Mal probierte, denn sie sah unwahrscheinlich verzogen aus, fast grässlich.
-Noch immer nichts als ein kleiner, trotziger Sturkopf.
-Obacht, Alfred, ich bin immer noch Ihr Boss!
-Ja, Sir, entschuldigen Sie bitte. Hatte nur gerade ein Bild vor Augen, eine Erinnerung an…
-Schemen, Alfred, nichts als Schemen. Lohnen sich nicht.
-Ja, Sir. Trotzdem bitte ich Sie inständig, in Zukunft vom Baden abzusehen. Es kostet Sie zu viel Blut, zu viel Kraft, zu viel Faden und zu viel Wundsalbe. Auch die Narben…
-Zählen nicht, Alfred, die habe alle, die mal baden waren.
-Bitte Sir, lassen Sie es bleiben, das Baden, es ist nicht gut für Sie.
-Aber noch immer besser als duschen, nicht wahr?

PartII (22.06.2009)
-Sir…
-Ist schon gut Alfred, ich weiß Ihre Sorge zu schätzen. Bitte legen Sie meine Kleidung ins Rasierzimmer und schieben Sie meinen Schreibtisch vor.
-Sehr wohl, Sir.
-Und Alfred?
-Sir?
-Danke.
Alfred nickte teilnahmslos, drehte sich um und schritt, die Arme beladen mit blutigen Handtüchern, Bandagen, halbleeren Tuben und seinem Maskottchen, einer kleinen, vertrockneten Blüte einer schwarzen Rose, welche er am Tag von Oskars Geburt über dessen Bett gehängt hatte, zwischen den Säulen hindurch aus dem Saal. Er trug die Rose nun fast immer bei sich, ganz sicher immer dann, wenn Oskar baden ging, ausfuhr oder sich sonstigen Gefahren aussetzte.
Nun ging er in die Küche, warf die Handtücher und die Bandagen zusammen mit einer paar Kleidungstücken in die Waschmaschine, schüttete ein wenig Waschpulver hinzu, klappte den Deckel zu und schaltete die Maschine an. Er wartete kurz um sich des Funktionierens zu versichern und ging dann, als er die ersten Scherben in der sich drehenden Trommel sah, zum Kleiderschrank, nahm wahllos eines der Kostüme hinaus, schloss die Tür wieder und bewegte sich auf das Rasierzimmer zu, nicht ohne vorher im Spiegel zu überprüfen, ob seine Fliege auch richtig saß. Gerade als er das Kostüm auf den Stuhl legte, hörte er ein Ächzen.
-Brauchen Sie Hilfe, Sir?
-Nein, ich komme zurecht, wäre doch gelacht.
Wütend aufgrund seiner Schwäche hievte sich Oskar an einer Säule hoch, rieb sich kurz das Knie, auf welches er gerade schmerzhaft gefallen war und welches wieder leicht blutete und schwankte Schritt für Schritt weiter zur nächsten Säule, wo er sich wieder eine Weile auszuruhen gedachte. Er hörte Alfreds Schritte langsam verhallen, vermutlich ging er gerade in die Garage, um den Schreibtisch vorzuschieben. Vielleicht hätte er doch um Hilfe bitten sollen. Immerhin hatte er dieses Mal laut Alfreds Aussagen ja wirklich sehr viel Blut verloren. Der ängstliche Alte hätte ihm bestimmt auch vehement davon abgeraten, selber in die Stadt zu fahren, ein Taxi zu rufen erschiene ihm vermutlich sinnvoller. Natürlich war ein Taxi gemütlicher, man musste nicht schieben, wenn es bergauf ging, man konnte die Wälle, Palisaden und Puffer begutachten und nach neuen Graffitis Ausschau halten. Doch Oskar wollte nicht, dass jemand wusste, wohin er fuhr, er mochte den Gedanken, völlig auf sich gestellt zu sein und sich auf sein Glück verlassen zu müssen, weil einfach niemand außer ihm wusste, wo er sich aufhielt. Mit Ausnahme der Personen, die sich ebenfalls dort befanden.
Mittlerweile war er nur noch ein paar Meter vom Rasierzimmer entfernt, Stück für Stück, sich an der Wand abstützend, kämpfte er sich auf sie zu. Eine Spur blutiger Handabdrücke zeugte von seinem Weg und würde Alfred ein Seufzer unter vorwurfsvoll hochgezogenen Augenbrauen entlocken. Er lachte in sich hinein, es war einfach zu komisch, wenn der in Sachen Mimik ungeübte Alte versuchte, irgendeine für Oskar alltägliche Miene aufzusetzen.
Erschöpft ließ er sich auf den Hocker neben dem Stuhl fallen, schloss kurz die Augen, legte den Kopf nach hinten, atmete tief durch, öffnete die Augen wieder und versuchte, das Kostüm aus den Augenwinkeln zu identifizieren. Es dauerte ein wenig, bis er etwas erkennen konnte, wirklich erkennen konnte er es nicht, doch assoziierte er die verschiedenen Farben in seinem Kopf mit den Erinnerungen an Kostüme. Schließlich war er sich sicher: So viele Farben hatte nur das Gockelkostüm. Er mochte es nicht, aber es war eines der teuersten weil beliebtesten Kostüme, man konnte einfach unter keiner Straße langgehen, ohne einem Gockel zu begegnen. Also prüfte er noch einmal alle genähten Stellen auf eventuell gelöste Nähte, zog die am Knie wieder fester und nahm sich dem Kostüm an. Es dauerte ewig, bis er alle Plastikfedern gerichtet, den Kamm aufgesetzt und die Krallen angezogen hatte, aber schließlich war er doch fertig. Heftig keuchend stand er, sich mit einem Flügel an der Wand abstützend da und versuchte, nicht in Ohnmacht zu fallen. Er fühlte sich, als würde er ersticken, Schweiß rann von seiner Stirn und brannte in den Wunden, vor seinen Augen tanzten unzählige helle Punkte, die vielen Stellen, an denen das Kostüm nach dem Waschen geflickt werden musste, kratzten und der Gestank des Waschpulvers brachte ihn fast dazu, sich zu übergeben. Nur langsam erholte er sich wieder, die Atmung regulierte sich wieder auf ein Normalniveau, die Punkte verschwanden.
Es war nicht einfach, sich auf Krallen fortzubewegen. Taumelnd stakste er Richtung Tür, stolperte und breitete gerade noch rechtzeitig die Flügel aus, so dass er auf schmerzhafte Weise am Rahmen hängen blieb, aber immerhin nicht auf dem Boden landete. Aufzustehen war für ihn nämlich schier unmöglich, ohne das Kostüm zu ruinieren. Und noch einmal umziehen wollte er sich auf keinen Fall. Also richtete er sich wieder auf, erkannte für sich, dass ein Mensch kein Gockel war und dementsprechend nicht die Anatomie aufwies, die für eine effektive Fortbewegung auf Krallen mit Flügeln statt Händen nötig waren.

Part III (20.08.2009)
Von draußen erklang in unregelmäßigen Schüben ein Knirschen. Alfred hievte den Schreibtisch Stück für Stück durch den weichen Kies, Schweiß rann ihm in Strömen über die Stirn, er keuchte, musste von Zeit zu Zeit Husten. Sein Alter  machte ihm langsam zu schaffen, gerade bei solchen Arbeiten. Dabei dachte er nicht einmal daran, sich zur Ruhe zu setzen, es kam ihm nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde in den Sinn, er war so erzogen worden, immer darauf bedacht, für seinen Herrn zu leben, Zweifel oder gar Kritik, welche sich auf den Umgang des Herren mit ihm oder seine eigenen Umstände bezog, kannte er nicht. So schob er den Schreibtisch über den Kies, konzentrierte sich voll und ganz auf diese Aufgabe, ließ seine Gedanken nicht einen Moment die Utopie eines geteerten Weges aufbauen, oder die von breiteren Rädern, die vielleicht über den Kies rollten anstatt in ihm zu versinken.
Auch die Vergangenheit interessierte ihn nicht, er wusste nicht, ob früher alles besser war, ja nicht einmal,. ob er in seiner Jugend kräftiger war und sämtliche Arbeiten leichter von der Hand gingen. Er erinnerte nicht, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne. Zwar konnte er Bilder abrufen, mehr aber auch nicht, er konnte ihnen keine Gefühle zuordnen, wusste sie nicht zu interpretieren, es war ihm nicht möglich, sie zu vergleichen. All das war ihm nie beigebracht worden und gelernt hatte er es auch nie.

Part IV (14.11.2009)
Gerade drückte er den Schreibtisch den letzten Millimeter zur Abrollrampe, als er die Tür quietschen hörte und ein Gockel hinaustrat. Sofort erkannte Alfred, dass einige Feder verrutscht waren, auch der Kamm nicht mehr richtig saß. Er legte einen Stein vor die vorderen Rollen und ging auf seinen Herrn zu, um ihn zurechtzuzupfen. Dazu kam er jedoch nicht, als er kurz vor ihm stand, brach der Gockel zusammen und landete in Alfreds Armen. Vorsichtig legte dieser ihn auf den Boden, entfernte gekonnt das Hühnerhaupt und brachte einen bläulich verfärbten, von roten Linien durchflochtenen Kopf zu Vorschein, dessen Mund dankbar nach Luft schnappte.
- Sir... vielleicht sollten Sie noch ein wenig warten, bevor Sie losfahren, zur Erholung.
- Nein, nein, das geht nicht, ich muss los.
- Niemand zwingt Sie dazu.
- Doch, es ist so geplant, und jeder weiß, was passiert, wenn man den Plänen nicht folgt, es ist sichtbar für alle, so sichtbar, dass selbst der Ignoranteste die Augen nicht mehr schließen kann, nein Alfred, nein, nicht noch einmal.
- Es ist doch wirklich nicht ihre Schuld, dass...
- Nein, wahrlich nicht, nein. Und gerade deshalb muss ich mich an die Pläne halten, so verrückt und infantil es auch manchmal scheinen mag, schließlich will ich auch nicht schuldig werden.
- Sir, man weiß nie, wo die Kommenden eine Schuld ausmachen.
- Dann sollen sie kommen und mir sagen, was meine Schuld ist, ich werde ihnen zuhören, mich vielleicht entschuldigen, mich nach ihren Vorstellungen ändern und hoffen, dass sie Recht behalten.
- Sir...
Alfred wusste nichts mehr zu sagen, überhaupt war ihm das Gespräch schon längst über den Kopf gestiegen. Also half er dem Gockel auf die Beine, richtete seinen Kamm, zupfte ein wenig am Federkleid herum und sah dann zu, wie er zum Schreibtisch stakste, sich hinauflegte, die Steuerleinen in die Hand nahm und die Abrollrampe hinunterfuhr, am Tor ein wenig abbremste und sich in den Vormittagsverkehr in die Stadt herunter einreihte. Schließlich schloss er das Tor und ging ins Haus, um die Scherben zu säubern und die Wäsche zu machen.
Tolle Uhr...  
   
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